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Von gelernter Hilflosigkeit zu gelebter Selbstwirksamkeit

Warum wir ins Handeln kommen wollen

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Wir leben in einer Zeit sich überlappender Krisen, deren Gleichzeitigkeit viele Menschen überfordert. Klimakrise, soziale Ungleichheit, demokratische Erosion, Einsamkeit, geopolitische Spannungen (uvm.) erzeugen ein permanentes Gefühl von Ausnahmezustand. Die moderne Fortschrittserzählung verspricht, dass durch immer mehr Wachstum und Wettbewerb Fortschritt erreicht wird. Doch wie der Historiker Adam Tooze (2022) feststellt, wird zunehmend klar, dass viele heutige Krisen und Probleme direkte Folge dieses Paradigmas sind und sich nicht mehr allein durch Innovation oder Improvisation lösen lassen.

Deshalb haben wir uns entschieden zu handeln – nicht aus naiver Hoffnung, sondern weil wir überzeugt sind, dass aktives Handeln der Weg ist, um von gelernter Hilflosigkeit zu gelebter Selbstwirksamkeit zu gelangen. Die Aktivistin Joanna Macy beschreibt unsere Zeit als eine "Heldengeschichte": Ja, die Bedrohung ist gewaltig und die Chancen stehen gegen uns. Aber wir haben Verbündete, Werkzeuge und Weisheit auf unserer Seite. Wir sind der Überzeugung, dass der öffentliche Raum stärker auf diese Ressourcen im Kampf gegen die Krisen aufmerksam machen muss. Macy spricht von "aktiver Hoffnung" – nicht als blindem Optimismus, sondern als dem bewussten Streben nach den Ergebnissen, die wir uns erhoffen, und dem Engagement, diese auch zu erreichen. Das bedeutet nicht, den Schmerz zu leugnen, sondern ihn anzuerkennen und in Handlung zu transformieren. Indem wir auf Initiativen hinweisen, die diese Transformation aktiv vorantreiben, erhoffen wir uns, mehr Menschen zum Handeln zu befähigen.

Macy beschreibt eine Spirale, die den Prozess von Hilflosigkeit zu Selbstwirksamkeit im Angesicht existenzieller gesellschaftlicher Krisen strukturieren kann: Im ersten Schritt wird mithilfe von Dankbarkeit die psychische Resilienz gestärkt, indem Verbundenheit mit der Welt wahrgenommen und wertgeschätzt wird. Im zweiten Schritt tritt unser Schmerz für die Welt an vorderste Stelle, wird anerkannt und gespürt und als Ausdruck von Verbundenheit wahrgenommen. Der dritte Schritt besteht aus einem Perspektivwechsel, der durch Systemdenken und das Sehen mit neuen Augen ermöglicht wird. Zu guter Letzt ermöglicht vorwärts gehen eine konkrete Handlungsoptionen für einen Wandel. Anhand dieser Transformationsspirale haben wir die Kategorien Verstehen, Fühlen und Handeln erstellt: Verstehen, um bewusst zu werden; Fühlen, um Betroffenheit zu verarbeiten und die Beziehung zur Welt zu stärken; Handeln, um vorwärts zu gehen, Gemeinschaft zu finden und Beziehungen zu gestalten.

Warum Initiativen der Schlüssel sind

Der Soziologe Jens Beckert argumentiert, dass reale Utopien nur bottom-up entstehen können. Initiativen verankern wertrational motiviertes Handeln und schaffen alternative Infrastrukturen. Gesellschaftlicher Wandel muss politischem Wandel vorausgehen – und Initiativen sind die Brücke, über die diese Transformation in die Politik übertragen wird. Hier entstehen die sozialen und ökonomischen Experimente, die neue Praktiken sichtbar machen und Politiker*innen als gangbare Pfade aufzeigen.

Öffentlicher Raum, alternative Werbung und Regeneration

Der Anthropologe Jason Hickel weist darauf hin, wie sehr Werbung im industriellen Maßstab unsere öffentlichen Räume und Gedanken kolonisiert hat. Sie manipuliert uns digital und analog, befeuert Konsum und untergräbt unser Wohlbefinden. Hickel plädiert dafür, Werbung radikal zu reduzieren und stattdessen Botschaften zu fördern, die Gemeinschaft aufbauen, intrinsische Werte stärken und rationale Entscheidungen ermöglichen.

Genau hier setzen wir an: Mülleimer im öffentlichen Raum werden zu Trägern alternativer "Werbung" – Werbung, die einen positiven Einfluss hat, Menschen zum Handeln bewegt statt zum Konsum verführt. Mit QR-Codes auf Mülleimern weisen wir auf Initiativen hin, die Regeneration anregen. Wie der Aktivist und Autor Gibbons argumentiert, sind Menschen mächtige Akteure in lebendigen Systemen. Wenn wir unsere Verbundenheit erkennen, können wir gemeinsam gedeihen. Das Ziel regenerativer Systeme ist genau das: florierende, lebendige Systeme für alle.

Selbstwirksamkeit durch Gemeinsames

Der Soziologe Hartmut Rosa betont, dass wir keine perfekt geteilten Werte brauchen, um gemeinsam zu handeln. Das Gemeinsame entsteht im Zusammenhandeln selbst – in einer politisch-sozialen Haltung, bei der sich alle selbstwirksam beteiligt fühlen. Selbstwirksamkeit ist für Rosa eine Form von Resonanz: Wir spüren, dass unser Handeln etwas bewirkt und wir dabei mit der Welt in Beziehung treten.

Niko Paech ergänzt: Die staatliche Ordnung kann einen solchen Wandel nicht erzwingen. Deshalb braucht es unilateral praktizierte Gegenkulturen, die ihre Vision effektiv kommunizieren und durch Diffusion wirken. Mitgestaltung ist unerlässlich für eine lebendige res publica – eine "doing culture".

Commons sichtbar machen

Die Commons-Forscherin Silke Helfrich beschreibt, wie echte Commons funktionieren: Eine klar umrissene Gemeinschaft regelt die gemeinsame Bewirtschaftung gemeinsamen Vermögens durch Verhandlung. Es entstehen lebendige, selbstorganisierte soziale Strukturen. Doch Commons sind wenig sichtbar – es fehlt eine verbreitete Sprache und ein gemeinsames Verständnis dafür. Jeder kennt den freien Markt, aber Commoning bleibt oft unsichtbar.

Helfrich sieht darin eine zentrale Aufgabe: Wir müssen unsere Wahrnehmung schulen für die Muster des Commoning. Wir brauchen neue Vorstellungen von Wirtschaften und Demokratie, neue Sprache und Metaphern. Der erste Schritt: zu erkennen, dass unser individuelles Wohlergehen vom kollektiven Wohlergehen abhängt. Wenn wir politisch gestalten wollen, müssen wir Beziehungen gestalten, in denen Raum, Sache und Prozess existieren können. Wir sind deshalb überzeugt, dass aktives Mitgestalten politischer und sozialer Prozesse irgendwie anfangen muss. Gerade in einer Stadt wie Berlin gibt es zahlreiche Initiativen, die sich mit dem Wandel beschäftigen. Fehlende Sichtbarkeit im öffentlichen Raum ist ein Problem, besonders im Vergleich zu kommerziellen Interessen. Aktiv auf Commoning-Projekte hinzuweisen, in denen soziale Beziehungen neu gestaltet werden und kollektives Wohlergehen an vorderster Stelle steht, ist daher unser erklärtes Ziel.

Legitimität und Handlungsfähigkeit schaffen

Der Anthropologe Arturo Escobar argumentiert, dass Wandel zwei Dinge braucht: Legitimität erzeugen UND die Fähigkeit zum Handeln mobilisieren. Empowerment ist zentral für partizipative Demokratie. Dazu wollen wir mit unserem Projekt einen kleinen Beitrag leisten: Wir wollen Initiativen im Alltag sichtbar machen, die bereits existieren und wirken. Wir wollen niederschwellig zeigen, dass Handeln möglich ist – hier und jetzt.

Literaturverzeichnis

Beckert, Jens (2022): Verkaufte Zukunft: Dilemmata des globalen Kapitalismus in der Klimakrise. MPIfG Discussion Paper 22/7. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung.

Escobar, O. and A. Bua (2025): Democratic innovation for change: A participatory corrective to deliberative hegemony. Politics. OnlineFirst.

Gibbons, L. V. (2020): Regenerative—The New Sustainable? Sustainability 12(13): 5483.

Helfrich, Silke / Bollier, David (2020): Frei, fair und lebendig – Die Macht der Commons. Bielefeld: transcript.

Hickel, J. (2020): Less is more: How degrowth will save the world. Random House.

Lawrence, Michael et al. (2023): Global Polycrisis. The causal mechanisms of crisis entanglement. Cascade Institute. https://cascadeinstitute.org/wp-content/uploads/2023/06/The-Causal-Mechanisms-of-Global-Polycrisis-v1.1-11July2023.pdf

Macy, J. and C. Johnstone (2012): Active Hope. How to Face the Mess We're in without Going Crazy. Novato: New World Library.

Paech, N. (2021): Postwachstumsökonomie: Von der aussichtslosen Institutionen- zur Individualethik. zfwu Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik 22(2): 168-190.

Rosa, H. (2019): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Tooze, Adam (2022): Welcome to the world of the polycrisis. Financial Times, 28/10/2022.