Gemeinsam gegen Polykrise

Von gelernter Hilflosigkeit zu gelebter Selbstwirksamkeit

Warum wir ins Handeln kommen wollen

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Zusammenfassung

  • Krisen erzeugen Überforderung und lähmen unsere Handlungsfähigkeit.
  • Hoffnung entsteht durch Handeln.
  • Transformationsspirale soll Handlungsprozesse und Selbstwirksamkeit in Gang setzen.
  • Reale Utopien entstehen im Kleinen; gesellschaftliche Initiativen stoßen politischen Wandel an.
  • Öffentlicher Raum gehört allen und sollte zum gemeinsamen Handeln anregen statt zum Konsum.
  • Die Intervention an Mülleimern verschiebt Aufmerksamkeit von individuellen Konsumoptionen hin zu kollektiven Handlungsmöglichkeiten.
  • Neue Formen des Wirtschaftens und Zusammenlebens werden in Initiativen erprobt.
  • Das Sichtbarmachen von Commoning-Praxen stärkt die Wahrnehmung kollektiver Alternativen.
  • Zugänglichkeit ermöglicht Beteiligung.
  • Die Referenz auf bestehende Initiativen macht alternative Praktiken als reale Optionen erkennbar.
  • QR-Codes schaffen niedrigschwellige Zugänge zu Engagement und Mitwirkung.

Wir leben in einer Zeit sich überlappender Krisen, deren Gleichzeitigkeit viele Menschen überfordert. Klimakrise, soziale Ungleichheit, demokratische Erosion, Einsamkeit, geopolitische Spannungen (uvm.) erzeugen ein anhaltendes Gefühl von Ausnahmezustand. Erschöpfung, Orientierungslosigkeit, Frustration, Wut, Trauer, Passivität, Hilflosigkeit und Rückzug sind Symptome dieser Überforderung.

Gleichzeitig verspricht die moderne Fortschrittserzählung, dass durch immer mehr Wachstum und Wettbewerb gesellschaftliche Entwicklung und Wohlstand erreicht werden. Doch wie der Historiker Adam Tooze (2023) feststellt, wird zunehmend klar, dass viele heutige Krisen und Probleme direkte Folgen dieses Paradigmas sind und sich nicht mehr allein durch langsames Nachbessern und Improvisation lösen lassen.

Deshalb haben wir uns entschieden zu handeln – nicht aus naiver Hoffnung für eine bessere Welt, sondern weil nicht zu Handeln die einzig sichere Form des Scheiterns wäre. Aktives Handeln ist der Weg, um von gelernter Hilflosigkeit zu gelebter Selbstwirksamkeit zu gelangen. Wir wollen mit unserer Intervention alle Interessierten und Suchenden auf Angebote, Vereine und Initiativen in Berlin aufmerksam machen, die aus unserer Sicht bereits konkrete Lösungsansätze für unterschiedliche Krisen entwickeln und praktizieren.

Aktive Hoffnung als Inspiration und konzeptioneller Rahmen

Inspiriert von der Aktivistin und Wissenschaftlerin Joanna Macy verstehen wir Hoffnung nicht als optimistische Erwartung, sondern als Praxis. In ihrem Konzept der „aktiven Hoffnung“ und im Ansatz von The Work That Reconnects beschreibt Macy einen Prozess, der Menschen dabei unterstützt, ihre Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen und mit der lebendigen Welt wieder wahrzunehmen und daraus Handlungsfähigkeit zu entwickeln. Aktive Hoffnung bedeutet, sich bewusst für gewünschte Zukunftsperspektiven einzusetzen und sich zugleich dazu zu verpflichten, an deren Entstehung mitzuwirken. Zentral ist dabei, schwierige Gefühle wie Angst, Trauer, Wut oder Ohnmacht nicht zu verdrängen, sondern als angemessene Reaktionen auf reale Zustände anzuerkennen. Diese Emotionen werden nicht als Hindernis verstanden, sondern als mögliche Ausgangspunkte für Veränderung. Hoffnung entsteht in diesem Verständnis nicht vor dem Handeln, sondern im und durch das Handeln.

Macy beschreibt diesen Prozess als eine Spirale, die von Hilflosigkeit zu Selbstwirksamkeit führen kann. Zunächst wird durch Dankbarkeit die Wahrnehmung von Verbundenheit gestärkt. Im nächsten Schritt wird der Schmerz für die Welt bewusst anerkannt und als Ausdruck dieser Verbundenheit verstanden. Darauf folgt ein Perspektivwechsel: systemisches Denken, das „Sehen mit neuen Augen“, welches Zusammenhänge erkennbar macht. Schließlich mündet dieser Prozess in konkretes Vorwärtsgehen – in Handlungsoptionen, die Wandel praktisch werden lassen.

Diese Transformationsspirale bildet den konzeptionellen Hintergrund unserer Struktur. Ausgehend von diesem prozessorientierten Verständnis haben wir unsere kuratierte Übersicht entlang von drei Zugängen organisiert, die unterschiedliche Einstiege in diesen Prozess ermöglichen:

Ich möchte mehr wissen und verstehen

Bildungs-, Informationsangebote, Einordnung

Ich suche nach emotionaler Unterstützung und Verbindung

Emotionale Unterstützung und Austausch

Ich will ins Handeln kommen

Aktivismus, Engagement und kollektive Praxis

Diese Zugänge verstehen wir nicht als lineare Abfolge, sondern als miteinander verschränkte Einstiege in aktive Hoffnung und kollektive Handlungsfähigkeit. Sie bilden den konzeptionellen Rahmen für unsere Intervention und für die Auswahl der Initiativen, auf die wir verweisen.

Warum Initiativen der Schlüssel sind

Der Soziologe Jens Beckert untersucht, wie Menschen durch „imaginierte Zukünfte" wirtschaftlich und gesellschaftlich handeln. Seine Forschung zeigt: Gesellschaftlicher Wandel entsteht nicht aus abstrakten Zukunftsentwürfen, sondern aus gelebter Praxis. Wenn Menschen beginnen, anders zu handeln, andere Prioritäten zu setzen und neue Formen des Zusammenlebens auszuprobieren, entstehen „reale Utopien" – konkrete Alternativen zum Bestehenden. Beckert betont, dass solche imaginierten Zukünfte zentral für gesellschaftliche Dynamik sind, sowohl für Entwicklung als auch für Veränderung. Lokale Initiativen sind genau solche Orte. Sie verankern wertebasiertes Handeln im Alltag und machen neue Möglichkeiten praktisch erfahrbar.

Der Ökonom Niko Paech ergänzt diese Perspektive mit einer entscheidenden Einsicht: Demokratische Institutionen wie Politik, Bildung und Medien sind oft zu Erfüllungsgehilfen des Bestehenden geworden. Politischer Wandel, so Paech, folgt gesellschaftlichem Wandel und nicht umgekehrt. Erst wenn genügend Reallabore entstanden sind, in denen sich alternative Daseins- und Wirtschaftsformen als gelebtes Erfahrungswissen etabliert haben, kann deren Verbreitung einsetzen. Solange neue Praktiken nicht existieren und sichtbar sind, bleiben sie politisch abstrakt. Erst wenn Alternativen praktisch erprobt werden, können sie als reale Optionen wahrgenommen und politisch aufgegriffen werden. Initiativen sind in diesem Sinne soziale und ökonomische Experimentierräume, die als Vorbilder dienen und nachgeahmt werden können.

Deshalb verweisen wir mit unserer Intervention dorthin, wo bereits gehandelt wird. Indem wir Initiativen bündeln und zugänglich machen, wollen wir Orientierung bieten und es erleichtern, an bestehende Praxis anzudocken, ohne neue Strukturen zu schaffen.

Aktivierung des öffentlichen Raumes

Öffentlicher Raum ist kein neutraler Hintergrund gesellschaftlicher Prozesse. Henri Lefebvre beschreibt Raum als sozial produziert – als Ergebnis von Machtverhältnissen, ökonomischen Interessen und alltäglichen Praktiken. Raum entsteht nicht einfach, er wird gemacht. David Harvey greift diesen Gedanken auf und versteht das „Recht auf Stadt" als kollektive Möglichkeit, urbane Räume nicht nur zu nutzen, sondern ihre Bedeutungen mitzugestalten.

In zeitgenössischen Städten sind öffentliche Flächen jedoch stark durch kommerzielle Interessen strukturiert. Werbeflächen besetzen Sichtachsen, Plätze, Verkehrsknotenpunkte. Jason Hickel analysiert, wie Werbung nicht nur Produkte bewirbt, sondern Aufmerksamkeit organisiert und Begehrensstrukturen formt. Konsum wird als naheliegende Antwort auf Bedürfnisse inszeniert – auch dort, wo diese Bedürfnisse gesellschaftlicher Natur sind. Der öffentlicher Raum wird so zu einem Ort, an dem Kaufoptionen sichtbarer sind als kollektive Handlungsmöglichkeiten.

Und auch hier, an dieser Diskrepanz, setzen wir mit unserer Intervention an. Wir greifen nicht auf klassische Werbeflächen zurück, sondern nutzen ein unscheinbares Alltagsobjekt: den Mülleimer. Mülleimer stehen überall, sie sind funktional, kaum beachtet und nicht als politische Kommunikationsorte gedacht. Gerade deshalb eignen sie sich als minimale Eingriffspunkte.

In Anlehnung an Michel de Certeau verstehen wir das Bekleben dieser Objekte als taktische Praxis. De Certeau unterscheidet zwischen Strategien, die von Institutionen und Machtzentren ausgehen, und Taktiken, die innerhalb bestehender Strukturen operieren. Wir verfügen nicht über Werbeflächen, wir kontrollieren keine urbanen Infrastrukturen. Aber wir können vorhandene Elemente anders nutzen. Das Bekleben von Mülleimern ist keine strategische Raumbesetzung, sondern eine punktuelle Verschiebung von Bedeutung innerhalb eines bereits durchkommerzialisierten Umfelds.

Jeff Ferrell beschreibt vergleichbare urbane Interventionen als symbolische Re-Kodierungen. Zeichen im öffentlichen Raum sind nicht stabil, sie können umgeschrieben werden. Ein Objekt, das üblicherweise mit Abfall und Entsorgung verbunden ist, wird durch einen kurzen Slogan und einen QR-Code zu einem Verweis auf bestehende Initiativen. Der Mülleimer bleibt ein Mülleimer – aber er trägt eine zusätzliche Bedeutungsebene. Er verweist nicht auf ein Produkt, sondern auf eine Praxis.

Diese Verschiebung ist bewusst klein. Sie beansprucht nicht, den öffentlichen Raum neu zu ordnen oder zurückzuerobern. Sie unterbricht jedoch punktuell die dominante Logik der Aufmerksamkeitsökonomie. Statt einer weiteren Kaufaufforderung entsteht ein Andockpunkt. Statt individueller Konsumoptionen werden kollektive Handlungsmöglichkeiten sichtbar.

In diesem Sinne verstehen wir die Aktivierung des öffentlichen Raums nicht als spektakuläre Geste, sondern als minimalen, wiederholbaren Eingriff in bestehende Bedeutungsordnungen. Sie schafft keine neuen Initiativen, sondern verweist auf bereits existierende. Sie produziert keinen neuen Raum, sondern verschiebt die Wahrnehmung des vorhandenen.

Selbstwirksamkeit durch Gemeinsames

Der Soziologe Hartmut Rosa betont, dass gemeinsames Handeln keine vollständig geteilten Werte voraussetzt. Das Gemeinsame entsteht im Zusammenhandeln selbst. In diesem Prozess kann Selbstwirksamkeit erfahren werden – nicht als individuelles Leistungsmerkmal, sondern als relationale Erfahrung. Für Rosa ist Selbstwirksamkeit Teil einer resonanten Weltbeziehung: Wir erleben, dass unser Handeln Wirkung entfaltet und in Beziehung tritt.

Gerade in gesellschaftlichen Krisensituationen wird Verantwortung häufig individualisiert. Doch wenn strukturelle Probleme als persönliche Aufgaben erscheinen, kann dies Ohnmacht verstärken. In kollektiver Praxis hingegen verschiebt sich der Bezugsrahmen: Handeln wird nicht als isolierte Entscheidung verstanden, sondern als Teil eines gemeinsamen Zusammenhangs.

Niko Paech ergänzt, dass staatliche Institutionen gesellschaftlichen Wandel nicht erzwingen können. Transformation entsteht dort, wo Gegenkulturen praktisch gelebt und verbreitet werden. Politischer Wandel folgt gesellschaftlicher Erfahrung. Mitgestaltung wird damit zur Voraussetzung einer lebendigen res publica – einer „doing culture", in der neue Formen des Wirtschaftens und Zusammenlebens erprobt werden.

Vor diesem Hintergrund verstehen wir Selbstwirksamkeit nicht als individuelles Ziel, sondern als soziale Erfahrung, die in bestehenden Initiativen bereits praktiziert wird.

Commons sichtbar machen

Die Commons-Forscherin Silke Helfrich beschreibt Commons als soziale Ordnungen, in denen klar umrissene Gemeinschaften gemeinsame Ressourcen durch Aushandlung und Selbstorganisation bewirtschaften. Entscheidend ist dabei nicht nur das geteilte Gut, sondern der Prozess des Commoning – das gemeinsame Regeln, Pflegen und Gestalten.

Solche Praktiken sind weit verbreitet, bleiben jedoch häufig kulturell unsichtbar. Während der Markt als selbstverständliche Organisationsform gilt, erscheinen gemeinschaftliche Praktiken als Ausnahme oder Sonderfall. Helfrich betont deshalb die Notwendigkeit, Wahrnehmung für Muster des Commoning zu schärfen und neue Begriffe, Bilder und Narrative zu entwickeln, die kollektive Praxis verständlich machen.

Gerade in einer Stadt wie Berlin existieren zahlreiche Initiativen, die alternative Formen sozialer Beziehungen, Sorgearbeit und gemeinschaftlicher Organisation erproben. Dennoch konkurrieren sie im öffentlichen Raum mit kommerziellen Botschaften, die weitaus präsenter sind.

Unsere Intervention trägt dazu bei, bestehende Commoning-Praxen sichtbarer zu machen. Sie ersetzt keine Initiativen und spricht nicht in ihrem Namen. Sie verweist auf bereits existierende Projekte und macht sie im Alltag auffindbarer. Damit verschiebt sich der Wahrnehmungshorizont dessen, was als gesellschaftliche Antwort auf Krisen möglich erscheint.

Legitimität und Handlungsfähigkeit schaffen

Der Anthropologe Arturo Escobar argumentiert, dass gesellschaftlicher Wandel zwei Voraussetzungen benötigt: Legitimität und Handlungsfähigkeit. Alternativen müssen als sinnvoll anerkannt werden, und es müssen konkrete Möglichkeiten bestehen, sich zu beteiligen.

Sichtbarkeit erzeugt Legitimität. Zugänglichkeit erzeugt Handlungsfähigkeit.

Indem bestehende Initiativen im öffentlichen Raum referenziert werden, werden alternative Praktiken als reale Optionen erkennbar. Indem über QR-Codes niedrigschwellige Zugänge geschaffen werden, entsteht die Möglichkeit, aus Beobachtung Beteiligung werden zu lassen.

Literaturverzeichnis

Beckert, Jens (2022): Verkaufte Zukunft: Dilemmata des globalen Kapitalismus in der Klimakrise. MPIfG Discussion Paper 22/7. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung.

De Certeau, M. (2025). The Practice of Everyday Life. Contesti. Città, Territori, Progetti, 2. https://doi.org/10.36253/contest-16147

Escobar, O. and A. Bua (2025). "Democratic innovation for change: A participatory corrective to deliberative hegemony." Politics. OnlineFirst.

Ferrell, J. (1993). Crimes of style: urban graffiti and the politics of criminality / Jeff Ferrell. Garland.

Ferrell, J. (2001): Tearing Down the Streets: Adventures in Urban Anarchy.

Harvey, D. (2013). Rebel cities: from the right to the city to the urban revolution / David Harvey. (Paperback edition). Verso.

Helfrich, Silke/Bollier, David (2020): Frei, fair und lebendig – Die Macht der Commons. Bielefeld: transcript, Kapitel 1-2 (S. 9-51).

Hickel, J. (2020): Less is more: How degrowth will save the world. Random House, Introduction, Chapters 4-6.

Lefebvre, H., Edition Nautilus, Althaler, B., & Schäfer, C. (2016). Das Recht auf Stadt / Henri Lefebvre; aus dem Französischen von Birgit Althaler; mit einem Vorwort von Christoph Schäfer. (Deutsche Erstausgabe). Edition Nautilus.

Macy, Joanna (2006): Work That Reconnects Training with Joanna Macy. 16 Videos. https://vimeo.com/60907059 (Introduction) und https://vimeo.com/workthatreconnects

Macy, J. and C. Johnstone (2012). Active Hope. How to Face the Mess We're in without Going Crazy. Novato, New World Library. Introduction und Kapitel 1-4.

Paech, N. (2021). "Postwachstumsökonomie: Von der aussichtslosen Institutionen- zur Individualethik." zfwu Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik 22(2): 168-190.

Rosa, H. (2019). „Spirituelle Abhängigkeitserklärung". Die Idee des Mediopassiv als Ausgangspunkt einer radikalen Transformation. Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften. Sonderband des Berliner Journals für Soziologie. H. R. Klaus Dörre, Karina Becker, Sophie Bose, Benjamin Seyd. Berlin, Springer VS: 35-55.

Tooze, Adam (2022): Welcome to the world of the polycrisis. Financial Times, 28/10/2022.

Tooze, Adam (2025): Polycrisis – is this the sequel? Financial Times, 06/09/2025.